Vorzeichnung = richtige Proportionen (?)

Proportionen richtig zu treffen hat seinen Charme. Schließlich sieht eine Zeichnung viel stimmiger aus, wenn die Proportionen einigermaßen passen und dadurch der Wiedererkennungswert steigt. Eine Technik um Proportionen einfacher wiedergeben zu können ist das Enveloping, das Envelope, die Einhüllende oder so ähnlich.

Du wirst in verschiedenen Quellen verschiedene Worte finden, die aber alle das Gleiche meinen: Lege eine Vorzeichnung an, welche die Ausmaße der Motivelemente und ihre Orientierung zu einander beschreibt. Dann zeichnest Du über die Vorzeichnung drüber und fügst das eigentliche Motiv ein. Oder kurz: Vorzeichnung = richtige Proportionen. Hierbei gehst Du ganz schematisch vor, indem Du auf Deinem Zeichenpapier vereinfachte Geometrien einzeichnest, die dem Motiv grob (!) entsprechen.

Was sind eigentlich Proportionen?

Eine Proportion ist das Zusammenspiel der einzelnen Elemente eines Motivs. Diese Elemente sind im Grunde Längen und Winkel. Diese wiederum bilden Formen, also Linien und Flächen. Die Proportion ist nicht das Motiv selbst, sondern nur eine Beschreibung der Verhältnisse der einzelnen Motivelemente zueinander.

Ein Beispiel

Nehmen wir ein Porträt von Kopf mit Schultern: Du zeichnest auf das Papier erstmal ein Trapez. Oben die kurze der parallelen Seite und unten die Lange. Hierbei bildest Du den Raum ab, in dem Dein Porträt entstehen wird und legst damit bereits die ersten Proportionen ab. Breite zu Höhe allgemein (dies würde ein einfaches Rechteck schon leisten) , aber auch Breite der Schultern im Verhältnis zur Kopfbreite (der Mehrwert des Trapezes) werden dadurch beschrieben. Außerdem kannst Du das Trapez verschieben und auf Deiner Zeichenfläche nach Belieben positionieren. Das verändert die Wirkung des Motivs aber nicht dessen Proportionen.

Danach arbeitest Du Dich Schritt für Schritt in die Details hinein. In das Trapez kommt eine waagrechte Linie hinein, die die Schulterpartie beschreibt. Sind die Schultern nicht auf gleicher Höhe wird die Linie entsprechend gedreht. Ein Oval für den Kopf und entsprechend der Kopfneigung eindrehen. In das Oval ein Dreieck mit den Ecken dort, wo Pupillen und Nase sein sollen. Darüber ein Dreieck zwischen Mundwinkel und der Mitte der Augen. Wichtig ist es, die einzelnen Formen in Relation mit der Umgebung zu setzen. Welche Form hat das Dreieck? Wie weit sind die Ecken und Kanten vom Oval des Kopfes entfernt. Was ist auf gleicher Höhe? Das linke Ohr, beide Ohren, der Ellenbogen eines erhobenen Arms? Alles wird mit einfachen Formen beschrieben.

Das Vorgehen von grob nach fein hilft bei der Orientierung, da im allerersten Schritt das gesamte Motiv erfasst wird. Dadurch vermeidest Du, dass Du Dein Motiv verzerrst. Das passiert gerne, wenn Du an einer Ecke anfängst und Dich Stück für Stück durch Dein Motiv arbeitest. Jeder Fehler den Du hier auf dem Weg machst addiert sich auf, bis das Endergebnis schon Picassoqualität hat. Du weißt sicher was ich meine. Durch die Vorzeichnung baust Du Dir ein Gerüst auf, an dem Du Dich entlanghangeln und orientieren kannst.

Aber warum dann das Fragezeichen in der Überschrift?!

Ganz einfach: Ist die Vorzeichnung bereits Mist, dann ist auch die Zeichnung in Gefahr nicht die angestrebte Qualität zu besitzen. Klar kann man on-the-fly korrigieren und adaptieren, aber dann kannst Du die Vorzeichnung auch weglassen, da Du bereits sehr viel Erfahrung beim Zeichnen hast. Sonst könntest Du kaum mühelos korrigieren.

Kohleporträt: Resultierende Proportionen einer suboptimalen Vorzeichnung auf mit-pinsel-und-stift.de
Hier fehlte eine präzise Vorzeichnung. Durch das grobe Setzen der Orientierungspunkte ist das Ergebnis auch etwas grobschlächtig.

Es ist immens wichtig, die Vorzeichnung sehr sorgfältig anzulegen, da hier das Fundament für die fertige Zeichnung gelegt wird.

Nebenbei bemerkt, wenn Du die Envelopetechnik anwendest ist es eine große Zeitersparnis, wenn Du die Vorzeichnung schnell auf das Papier bringst. Hierfür brauchst Du nicht nur ein trainiertes Auge, sondern auch gewisse Automatismen. Und beides bekommst Du natürlich und mal wieder durch beständiges Üben!

Richtige Porportionen kannst Du durch eine Vorzeichnung erzeugen. Diese Vorzeichnung gehorcht simplen Regeln. Hast Du erkannt, wer auf den beiden Portraits dieses Beitrags abgebildet sein sollen?

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